Man sieht sich immer zwei Mal im Leben

Dieser abgedroschene Spruch wirkt wie eine Drohung, ja beinahe gleicht sie einer Verfluchung. Ich hasse nichts mehr, als wenn sich solche Sprüche später wirklich werden. Aber alles auf Anfang:

Dass ich ein nicht gerade gesunder Mensch bin, ist gemeinhin bekannt. Zu den psychischen Erkrankungen, der Epilepsie, der Endometriose und der arthritischen Halswirbelsäule gesellt sich nun auch die Akne inversa. Seit 4 Jahren kämpfe ich immer wieder mit unterschiedlich großen Abszessen an den Innenseiten der Oberschenkel, nur bis heurigen Januar hatte ich keine Diagnose dafür. Nach Antibiotikatherapien und der vorgeschlagenen Immunsuppression wuchs vor 3 Tagen erneut ein riesiger, verdammt schmerzhafter Pickel an meinem linken Bein. An Sitzen war nicht mehr zu denken, an Gehen schonmal gar nicht. Vorgestern lag ich heulend vor Schmerzen auf den Sofa, einerseits sprengte mir die Endometriose wieder einmal mein Becken und mein rechtes Bein versagte seinen Dienst, andererseits konnte ich mein „gesundes“ linkes Bein nicht mehr bewegen, da sich jede Bewegung wie ein Messerstich anfühlte. Ich rief in der Dermatologie an, bekam sofort einen Termin für den nächsten Tag. Irgendwie konnte ich mich ins Krankenhaus schleifen mit Bus und zu Fuß und lag nun mit heruntergelassener Hose auf dem Untersuchungstisch. Nicht nur, dass mir diese riesige, nässene Beule furchtbar peinlich ist, nein dazu kommt, dass ich während der Regel immer so ausgepolstert bin, als hätte ich ne Windel an, da ich dem Blut ansonsten nicht Herr werden kann. Zwei Ärzte fummelten an mir herum, drückten an der Beule herum und meinten, ich solle doch bitte sagen, wenn ich Schmerzen hätte. Sie sahen, dass der Abszess sich bereits zu einem Teil geleert hatte, aber auch, dass noch einiges darin verborgen war. „Das müssen wir aufschneiden Marie, wurde das schonmal gemacht?“, fragte mich die Ärztin. Ich lächelte erwas verschmitzt und gab zurück, dass es gemacht worden wäre aber nicht von einem Arzt sondern von mir, aber unter sterilen Bedingungen. Die Ärztin gab Eisspray drauf, schnitt, drückte den Rest heraus und vereinbarte für Ende Januar einen Op-Termin. Gegen 5 kam ich nach Hause mit einer Liste an Medikamenten, die ich von un an für mindestens 8 Wochen nehmen solle.

Ich freute mich endlich zuhause zu sein, nach einer sehr anstrengenden Woche und wollte gerade in bequemere Sachen schlüpfen, als meine beste Freundin und Nachbarin anrief. „Sparky ist tot, sie ist einfach gestorben“, heulte sie. Sparky war ihre 18 Jahre alte Katze, bei der erst am Montag Milchdrüsenkrebs festgestellt wurde, außerdem war sie in den letzten Jahren blind und taub geworden. Da meine Freundin keinen Mann oder Kinder hat, sind ihre Katzen so etwas wie ein Familienersatz für sie. Mir fiel fast mein Handy aus den Händen, da auch die Tierärztin am Montag noch gesagt hatte, ihr geht es soweit gut, sie würde bestimmt noch ein paar Monate leben. „Wie konnte das passieren?“, und heulte ebenfalls. 15 Minuten später erschien sie bei mir. Sie erzählte mir, ihre Katze hätte einen epileptischen Anfall gehabt und als sie bei der Tierärztin angekommen war, war die Katze bereits tot. „Ich bin schuld, ich habe sie beim Putzen vom Sofa weggejagt, deshalb hatte sie den Anfall.“, schluchzte sie. In den zwei Stunden die sie bei mir war, versuchte ich ihr immer wieder zu erklären, dass sie keine Schuld daran trage, sie bräuchte kein schlechtes Gewissen zu haben. Leider ist in diesen Situationen jedes Wort umsonst. Man versinkt in seiner Trauer und seinen Schuldgefühlen. Deshalb habe ich heute eine gemeinsame Freundin darum gebeten, dass sie mit ihr und mir einen Kaffee trinken geht, in der Hoffnung, dass sie die besseren Worte dafür findet. Ich bin mit solchen Schocksituationen etwas überfordert. Wir konnten sie ein wenig beruhigen und verließen nach einer Stunde das Dorflokal. Als wir 5 Minuten später an unserer Garage ankamen, stand dort ein mir nicht bekannter oder zumindest nicht zu unserem Haus gehörender Wagen. Daneben stand der Vater meiner ehemals besten Freundin aus der Jugendzeit. Ich grüßte freundlich und fragte ihn, was er denn in unserer Einfahrt mache. „Tina zieht gerade ein und ich helfe ihr und ihrem Freund.“ Vor Schrecken blieb mir der Mund offen stehen. In meinem Kopf wirbelten die Gedanken herum, die Bilder von Andi stiegen wieder in mir hoch und mit ihnen die Angst. Mein Körper fing an zu zittern, meine Hände schwitzten trotz der grausigen Kälte. Und dann kam sie. Verändert hatte sie sich kaum in den 9 Jahren in denen wir uns nicht gesehen hatten, ganz im Gegensatz zu mir. „Hallo Marie, wie geht es dir? Was machst du hier?“, lächelte sie mich an. „Naja, ich wohne hier seit 4 Jahren.“, gab ich zurück. „Ach ja, da wusste ich nicht. Na dann werden wir uns jetzt ja öfter über den Weg laufen.“, drehte sich um, nahm einen Karton in die Hand und verabschiedete sich freundlich.

Ich ging in meine Wohnung und fing an wie wild meinen Balkon aufzuräumen. „Warum ausgerechnet Tina? Warum sie? Konnte nicht jemand anderes hier einziehen?“, fluchte ich vor mich hin.

Aber nun zur Erklärung für meine Reaktion: Tina war damals bei meiner Vergewaltigung, bei meiner ersten, mit in der Wohnung. Sie hatte nichts mitbekommen, wunderte sich aber über mein Verhalten in den darauffolgenden Tagen. Als Andi mich damals eingesperrt hatte, konnte ich keinen Kontakt zu ihr aufnehmen, auch später konnte ich ihr nie die Wahrheit sagen. Bei einem Zusammentreffen etwas später gerieten wir aneinander und sprachen kein Wort mehr miteinander.

Aber auch jetzt werde ich nicht mit ihr sprechen können, ich habe mich verändert. Nach außen bin ich eine zwar tättowierte und gepiercte Frau, die ihren Standpunkt vertreten kann und sehr konservativ im Denken, nach innen jedoch habe ich diese Haltung verloren. Wenn ich jetzt mit ihr spreche, reißt es nur wieder Wunden auf, die ich Dank der zahlreichen Therapiesitzungen ein bisschen zuheilen habe lassen können und wirft mich in der Entwicklung um Jahre zurück. Auch die Begegnung macht mir schwer zu schaffen. Ich werde wohl ausziehen müssen oder mich damit abfinden. Mir bleibt gar nichts erspart…

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Kaltes Kotzen

Momentan könnte ich Amok laufen.

Letzte Woche musste ich ja nun mit dem Berufstrainingszentrum beginnen, so eine Art Beschäftigungstherapie für psychisch Kranke. Allerdings wurde dieses Zentrum eher für Personen geschaffen, die noch nie in ihrem Leben gearbeitet hatten oder mental etwas zurückgeblieben sind.

Seit März ist man mir auf den Geist gegangen, dass ich dorthin gehen solle. Aber im Juli wurde es mir aufgezwungen. Meine Sozialassistentin ist beinahe vor Freude in die Luft gesprungen, als sie hörte, dass ich gezwungen werde. Naja klar auf der einen Seite, denn laut ihr sei ich ja nicht wirklich krank, ich weigere mich ja nur, weil ich nicht will.

So eine Therapie kann ja ganz gut sein, wenn man an leichten Depressionen zu kämpfen hat, wenn man sein Leben nicht auf die Reihe bekommt oder nichts unter Kontrolle hat, mein Tag hat aber eine gewisse Struktur. Ich lebe nicht strukturlos in den Tag hinein. Aber egal, Marie du musst.

Tag 1: Schneiderei

Ich kann nähen, also gab man mir die Aufgabe einen Jutebeutel zu nähen. Ja soweit so gut. Weiters auch gar kein Problem, wenn man nicht für jeden Stich den man macht einen Schlüssel von der Betreuerin bräuchte, dass die Scheißmaschine funktioniert. Später wollte sie mir zeigen, wie man ein Geschirrtuch bügelt. Ih schüttelte nur noch den Kopf und war drauf und dran ihr das Bügeleisen mitsamt des Brettes an die Birne zu klatschen.

Tag 2: fehlte ich

Tag 3: Büro

Nachdem ich bereits etliche Jahre im Büro gearbeitet habe, denke ich, dass ich zumindest einen PC einschalten könnte. Die Betreuerin fragte mich allen Ernstes, ob ich denn den PC anmachen könne, obwohl sie die Info hatte, dass ich die Ausbildung als Bürofachkraft in der Tasche hatte und mehrere Jahre hinter mir. „Marie, beruhig dich“, schrie ich in mich hinein. Der Tag war gelaufen. Mit hochrotem Kopf und einer Wut im Bauch verließ ich gegen Mittag den Laden.

Tag 4: Küche

Küche ist eine wie die andere. Es wird gekocht und es sollte peinlichst auf die Hygiene geachtet werden. Das erste was ich machte war schrubben. Ich putzte den ganzen Vormittag lang, anders wusste ich nicht wie ich mir hätte die Zeit vertreiben sollen. Dann kam der Betreuer zu mir. Ob ich denn die Chilis zu Pulver verarbeiten könne, fragte er mich. Ja klar, schoss mir durch den Kopf. Nun als absolute Chililiebhaberin (wir züchten uns das Teufelszeug selbst) habe ich immer Pulver dabei. Nun ja, Marie wird behandelt als wäre sie komplett doof, also benimmt sie sich auch so. Ich gab also sämtliche getrocknete Chilis in die Kaffeemühle (wurde mir so aufgetragen), schmiss aber in einem unbeobachtetem Moment etwas von meinem Pulver dazu. Dann bemerkte ich, dass ich kurz auf Toilette müsse, stopfte mir Klopapierfetzen in die Nase und kehrte in die Küche zurück. Ob ich eine Maske wolle, wurde ich gefragt. Ich verneinte mit einem Lächeln und drückte auf den Startknopf. Boshaft wie ich sein kann, ließ ich sämtliche Türen offen stehen, schließlich hatte mir auch niemand gesagt ich solle sie schließen. Keine Minute später stürmte das Personal aus dem Raum. Tja, ihr wollt Krieg, ihr bekommt Krieg.

Tag 5: fehlte ich erneut

Tag 6: Geschäft

Man wollte mir zeigen, wie man das Geschäft ausfegt. Naaaaaja, ich hatte es schneller und sauberer hinter mich gebracht als der Betreuer. Später beim Abschlussgespräch wurde ich auf mein Verhalten angesprochen. Ich gab ihnen zu verstehen, dass ich in diesem Laden absolut nichts verloren habe, dass ich nicht nutzlos in der Gegend herumstehen will, sondern erwas tun. Dass mir einzelne Handgriffe nicht gezeigt werden sollten, wenn ich nicht explizit danach frage und nicht behandelt werden will, als könne ich nicht bis 3 zählen. Der Direktor meinte, ok, das Btz scheint für dich nicht empfehlenswert zu sein. „Ja, da sind wir einer Meinung, das erste Mal in dieser Woche, danke und aufwiedersehen“, sprach ich und ging.

Ich bekomme das kalte Kotzen bei soviel Ignoranz. Verdammt nochmal, ich bin nicht doof, ich bin krank und das nicht nur seelisch. Wie zum Teufel soll eine Beschäftigungstherapie bei Endometriose oder Epilepsie helfen? Wie soll sie mir bei meinen psychischen Problemen helfen, wenn ich außer Schizophrenie alles habe?!

Reduziert

Seit einigen Wochen habe ich eine neue Psychologin, meinen bisherigen Therapeuten konnte ich leider nicht mehr bezahlen. Das Gute am italienischem Gesundheitssystem ist ja die Ticketbefreiung. Alles was mit meiner Psyche zu tun hat, also Behandlungen oder Medikamente sind für mich zum Glück kostenlos, sofern die Behandlung durch den öffentlichen Dienst abgewickelt wird. Mein bisheriger Therapeut arbeitete privat, somit musste ich ihn aus eigener Tasche bezahlen. In der letzten Therapiestunde bei ihm heulte ich Rotz und Wasser. Er hat mich verstanden, ohne dass ich ihm stundenlang meine Gefühlswelt erklären musste, er hat mir zugehört und mich wirklich wahrgenommen. Nach drei Jahren bei ihm fiel es mir sehr schwer Abschied zu nehmen, aber was muss, das muss. 

Gestern war das fünfte Treffen mit der neuen Psychologin. Einen Zugang zu mir zu finden fällt ihr nicht sehr leicht, da ich wie immer mehrere Monate brauche um einem Menschen zu vertrauen, besonders bei Psychologen. Mein alter Therapeut meinte, dass er erst nach 6-7 Monaten Zugang zu mir finden konnte. 

Das gestrige Thema waren meine Stärken. Mittlerweile habe auch ich kapiert, dass ich trotz Krankheit und miesem Selbstwertgefühl sehr wohl auch einige Stärken besitze. Allerdings interessiert mich in den Therapiestunden eigentlich mehr, was denn der Therapeut sieht. Ich habe da ja einige Probleme mit der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Also druckste ich etwas herum und sagte, dass ich wohl nicht so ganz auf den Kopf gefallen sei. Sie sah mich an, lächelte und sagte ganz ruhig:“Marie, du kannst es ruhig sagen, das nennt man intelligent. Du bist furchtbar intelligent.“ 

Klar da war es wieder mein Damoklesschwert. Gut, es gibt schlimmeres worüber man sich aufregen kann, aber mir passiert es immer wieder, dass mir Leute meine Intelligenz unter die Nase reiben. Marie, die Intelligenzbestie! Dahinter aber steht ein unsicheres Mädchen, das viel mitmachen musste, das auf paranoide Art und Weise alles versucht um sich und andere abzusichern, das sich jede verdammte Minute um ihre Familie und Freunde sorgt, die zerbrechlich ist, labil und voller Emotionen. Einerseits ist die Intelligenz ein besonderes Geschenk, andererseits ist sie eine Strafe. Die Menschen haben Erwartungen an mich, die ich nicht erfüllen kann und sozusagen zum Scheitern verurteilt bin. Wenn anderen Dinge passieren, wird ihnen geholfen, bei mir passiert es gerne, dass es heißt, das schaffst du, du bist ja intelligent. Ja schön, aber davon kann ich mir nichts kaufen. 

Das ist Jammern auf hohem Niveau, einige könnten denken: meine Fresse ist die Alte überheblich. Dem ist aber nicht so, denn es mag sein, dass ich durch diese Gabe viele Dinge geschafft habe, die andere nicht oder nur mit viel Mühe schaffen. Bis vor zwei Jahren konnte ich kein Schach spielen. Das Schicksal wahrscheinlich wollte, dass ich ausgerechnet mit dem Vizemeister der Landesschachmeisterschaften in der stationären Therapie landete. Er brachte mir das Spiel bei. Ab dem dritten Spiel gewann ich andauernd und der Vize wurde blass. So etwas habe er noch nie gesehen. Trotzdem ist es anstrengend, da ich meist nur auf meinen Verstand reduziert werde. Es ist auch nicht besonders lustig, wenn die Menschen, insbesondere Vorgesetzte oder Respektspersonen merken, dass da jemand vor ihnen steht, der in kürzester Zeit versteht wie der Hase läuft, der offensichtlich mehr auf dem Kasten hat als man selbst. Und mich dümmer stellen als ich bin, kann ich einfach nicht bzw. mache keinen Sinn, wenn irgendwann die Emotionen mit mir durchgehen, kotze ich die Intelligenz regelrecht heraus. Dann wäre mein schönes Dumm-stellen-Spiel eh zu Ende. 

Und ja die hohen Erwartungen: die gestrige Therapiestunde durfte ich nur mit dem Versprechen verlassen, dass ich mich an die Matura setze und diese endlich mache. Als Autodidakt. 

Falsche Wahrnehmung?

Gestern musste ich meinen Vater auf unserem Hof abholen und nach Hause bringen. Als ich ihn dort abgesetzt hatte, entschied ich mich dazu, dass ich meine „Ersatz-Oma“ besuche.
Ich nenne sie deshalb so, da meine Großeltern sehr früh verstorben sind, entweder bereits vor meiner Geburt oder danach. Damals war ich aber noch zu klein, erinnern kann ich mich an sie nur sehr lückenhaft. Meine Ersatz-Oma, Anna, passte bereits auf meine Mutter auf, als sie noch klein war, und dann auch auf mich und meine kleine Schwester als unsere Eltern auf der Arbeit waren.
Bei ihr durften wir immer Brot backen oder sonstige Dinge kochen und vorbereiten, das was wir bei unserer Mutter nie durften. Mittlerweile ist Anna, 81 Jahre alt, zwei Mal verwitwet, lebt alleine auf einem kleinen Hof und versorgt sich komplett selbst. Ich bewundere sie, da sie immer noch selbstständig lebt und gesund ist. Es gibt nicht viele alte Menschen in ihrem Alter, die keine Medikamente nehmen müssen. Obwohl sie selbst einige Enkel und Urenkel hat, gibt sie mir immer noch das Gefühl, als wäre sie meine Großmutter.
Nach einiger Zeit, dass ich bereits bei ihr war, kam das Gespräch auf meine Schwester. Ich habe und hatte nie ein gutes Verhältnis zu ihr, dafür sind wir zu verschieden. Sie ist spontan, trinkt gerne einen über den Durst (oder auch zwei), ist oft monatelang unterwegs, hangelt sich von einer Affäre zur anderen. Die meisten Menschen die uns kennenlernen, glauben uns nicht, dass wir wirklich Schwestern sind. Wir ähneln uns weder vom Charakter noch vom Aussehen her.
Anna erzählte mir von früher, wie sie auf uns aufgepasst hatte. Dann jedoch erzählte sie von mehreren Situationen in denen meine kleinen Schwester so richtig gemein zu mir war. Ich konnte mich an diese Dinge nicht mehr erinnern, mir wurde ja auch immer wieder eingeredet, dass ich diejenige gewesen sei, die immer wieder auf der Kleinen rumgehackt hätte. Wenn ich mich aber an meine Barbiepuppen erinnere, kann ich Annas Aussage sehr gut nachvollziehen. Ich war das typische Mädchen, ich spielte immer mit Puppen. Eine Puppe war blond mit Schlafaugen, die hatte danach ein grünes Makeup aus der Hölle von meiner Schwester verpasst bekommen. Meine 7 Barbiepuppen verloren nach und nach ihre Gliedmaßen, ihre Haare und zuletzt auch ihre Köpfe. Ich war sehr stolz auf meine Spielsachen, diese 8 Puppen, ein bisschen Lego und ein Spieltraktor. Als meine Schwester alt genug war um alles zu zerstören, hieß es, lass sie doch, sie ist doch nur ein kleines Kind. Ich war auch ein kleines Kind, sie war ja nur um drei Jahre jünger. 

Anna erzählte mir auch, dass ich mich immer wieder versuchte zu wehren, dabei sei ich aber auf taube Ohren gestoßen. 

So langsam langsam setzt sich das Puzzle meiner Kindheit zusammen. Irgendwie fehlen mir immer noch Erinnerungen bis zu meinem 14. Lebensjahr. Haben mich die Erlebnisse später derartig traumatisiert, dass ich alles andere vergessen habe? Es gibt nur noch einige wenige Erinnerungen, schöne wie hässliche, die hängen geblieben sind. 

In den nächsten Tagen werde ich versuchen jene Erinnerungen aufzuschreiben, die noch da sind, vielleicht fallen mir auch noch andere ein. Wer weiß? 

Ja, es gibt mich noch

Heute habe ich endlich wieder einmal die Kraft gefunden etwas zu schreiben. Mein letzter Beitrag war im Juni und jetzt haben wir fast Mitte Oktober.

Welchen Grund, welche „Entschuldigung“ gibt es dafür? Um es kurz zu machen: Depressionen.

Die Medikamente, die ich im März begonnen habe zu nehmen, haben super angeschlagen. Ich fühlte mich echt wohl damit, da sie einfach die Depression etwas in den Hintergrund gerückt hatten. Zwar musste ich fünf verschiedene Medis in relativ hohen Dosen nehmen, aber mir ging es gut. Dann aber begann die Phase des Hungerns. Nein, das war eindeutig nicht freiwillig.

Ende Juni war ich auf einem Festival. Ganz überraschend rief mich meine beste Freundin und Nachbarin an, dass sie eine Freikarte hätte und wenn ich wollte, könne ich mitkommen. Besonders begeistert war ich nicht, ich wusste dass die Hauptband und der eigentliche Hauptgrund für die hohen Besucherzahlen dort „Frei.Wild“ ist. Naja, ich mag die Musik nicht besonders, zudem bekomme ich bei den großen Menschenansammlungen Panik. Gut, ich bin dann trotzdem mitgekommen. Kurzfristig hatte sich dann auch mein Mann entschieden uns zu folgen. Die zwei Festivaltage waren eigentlich recht lustig und unterhaltsam. Allerdings verspürte ich Übelkeit. Beinahe hätte ich mich auf zwei andere Besucher übergeben. Da meine Periode auch schon zwei Wochen überfällig war, bekam ich es mit der Angst zu tun. Das Festival ging vorbei, ein Schwangerschaftstest war negativ, die Tage gingen ins Land, die Übelkeit blieb. Ich bekam keinen Bissen mehr runter, bei jedem Schluck Wasser, bei jedem Bissen Nahrung verkrampfte sich mein Innerstes. In den ersten Tagen dachte ich noch an eine Magen-Darm-Grippe oder so etwas in der Art. Ich wurde aber eines besseren belehrt, als die Symptomatik nach 3 Wochen immer noch bestand.

In diesem Zusammenhang vereinnahmten mich zusätzlich auch noch Panikattacken. Drei Monate lang ging ich nicht mehr aus dem Haus. Anfang Juni brachte ich noch ein Kampfgewicht von 102,6 kg auf die Waage. Vor einigen Tagen stand ich bei 85,1 kg. In drei Monaten hatte ich mir 17 kg runtergehungert. Natürlich musste ich irgendwann mit diesen Beschwerden zum Arzt, aber wie es nun mal so ist, organisch fand man außer einer kleinen Magenschleimhautentzündung nichts. Kurz gesagt: wieder einmal war alles nur psychosomatisch oder Nebenwirkungen von den Medis. Seit Mitte August nehme ich keine Tabletten mehr. Anfangs war es noch auszuhalten, aber mittlerweile sind sämtliche Spuren der Medis aus dem Körper und das spüre ich nun auch. Allerdings kann ich jetzt auch wieder essen.

Abgesehen vom bürokratischem Spießrutenlauf in den letzten Monaten ist nicht viel passiert. Ich hatte eine weitere Visite bei der Ärztekommission um meine Arbeitsfähigkeit feststellen zu lassen. Das Ergebnis war ernüchternd. Im Moment bestehe keine Arbeitsfähigkeit. Trotzdem bekomme ich aber keine Rente oder ähnliches. Das Arbeitslosengeld wurde mir aufgrund des Urteils auch gestrichen. Nun lebe ich, ganz genau, von Luft und Liebe. Dankeschön an den Vater Staat. Wie schön es doch ist, dass einem vom Sozialstaat gezeigt wird, wie viel man eigentlich wert ist.

 

 

 

Wenn du glaubst es geht nicht mehr tiefer, ooooh doch

Es ist einige Zeit verstrichen, als ich mich das letzte Mal meldete. In den letzten 30 Tagen hat mir mein Leben wieder einmal gezeigt, dass Marie es einfach nicht verdient hat in Sicherheit zu leben. 

Das Ergebnis der Ärztekommission war ernüchternd. Ich behalte meine 50%, die aber wenigstens auf Lebensdauer. Was dieses Urteil angeht, gebe ich auf. Ich habe keine Lust mehr mir von irgendwelchen Sesselfurzern, die seit Ewigkeiten keine Patienten mehr selbst behandelt haben, sagen zu lassen wie es mir geht. Meine Paranoia drängte mich aber dazu so viel wie möglich über jeden einzelnen Arzt dieser gottverdammten Kommission zu erfahren. Irgendwann könnte mir dieses Wissen weiterhelfen, wer weiß. Klar, in mir stiegen und steigen immer noch Rachegedanken hoch, bin mir aber bewusst dass es nichts bringen würde, also was solls? 

Nun gut, Mitte Juni durfte ich meinen 27. Geburtstag feiern. Mein 19. Geburtstag vor 8 Jahren hat sozusagen mein Leben geändert, ins Positive. Ich hatte damals endlich den Mut Andi gehörig in den Arsch zu treten. 8 Jahre sind ins Land gegangen, in diesen Jahren habe ich geheiratet, meinen Abschluss gemacht, meiner Mutter beim Sterben zugesehen, eine Fehlgeburt erlebt, bin von Zuhause ausgezogen, habe viele schöne aber auch grauenhafte Erlebnisse gehabt. Trotzdem verfolgt mich dieser Spacken immer noch, jede einzelne Nacht. Man sollte doch meinen, dass die ganze Geschichte mit der Zeit besser werden würde, aber nein. Die Zeit heilt keine Wunden, die Zeit lässt die Wunden vielleicht weniger schmerzen, sie lässt vielleicht Narben entstehen, aber sie reißt sie auch immer wieder auf, streut Salz und träufelt Zitronensaft noch drauf. 

Eigentlich sollte ich aus meinen Fehlern lernen, sprich ich sollte mich nicht mehr gegen das „System“ auflehnen, bin ich doch oft genug schon auf die Fresse gefallen. Mein innerer Rebell aber sagt mir, du wirst dich nie mehr unterdrücken lassen, du wirst es nie wieder zulassen dass andere über dich verfügen, du wirst kämpfen, egal wie viele Rückschläge es geben wird. 

Die Depression wird mich wieder einholen, momentan bewegt sie sich im leichteren Bereich, aber sie wird wieder in die schwere Schiene abrutschen. Scheißegal, nun habe ich bei mir einen anderen Ton angeschlagen. Ich werde meine Standpunkte in Zukunft energisch vertreten, habe keine Angst mehr vor den Reaktionen anderer Menschen, wenn ich meine Meinung sage, schlussendlich bin ich nur eine Person unter 7 oder 8 Milliarden Menschen. Ich bin bereit die Konsequenzen zu tragen und es wird verdammt nochmal Zeit mein Leben zu leben, trotz Widerstände, trotz Krankheit, trotz allem. 

Diese Tür ist zugefallen, eine nächste wird sich öffnen. 

Pechvogel

Warum sollte auch nur ein einziges Mal etwas in meinem Leben gut laufen? 

Heute durfte ich erfahren, dass eine Freundin, die ebenfalls Probleme mit dem Schwanger-werden hat, nun schwanger ist… naja, meine Meinung dazu ist ja hinreichend bekannt. Deswegen habe ich mir heute die Augen aus dem Kopf geheult. 

Da ich im Moment wieder in einer schweren Depression feststecke, setzt mir diese Nachricht sehr zu. Aber was solls? Mittlerweile sollte ich an Enttäuschungen gewöhnt sein, sofern sich so etwas überhaupt gewöhnen lässt.

Am Mittwoch musste ich vor die Ärztekommission der Rechtsmedizin, dieses Mal im Rekursverfahren. Wie immer dauerte das Gespräch nur 5 Minuten, wie man in diesen 5 Minuten auch nur ausreichend klarmachen soll, wie es einem geht, ist und bleibt mir ein Rätsel. Bisher war ich eigentlich recht zuversichtlich, dass ich die notwendige Punktezahl erreiche, aber eine Freundin sagte mir, dass sie nun nichts mehr bekommen habe. Sie ist ebenfalls wie ich, schwer depressiv. Meine Hoffnung sinkt in den Keller. Das Ergebnis habe ich noch nicht erhalten, mir wurde aber mitgeteilt, dass ich diesen innerhalb von 2 Wochen erhalten solle. Mein Eindruck: die Ärzte wollten nichts hören, es war ihnen irgendwie egal, daher denke ich nicht, dass ich dieses Mal irgendetwas erreiche. Was solls? Es läuft ja sowieso nichts wie es soll. Warum also ausgerechnet jetzt? Ich bin doch echt der geborene Pechvogel…

Am Freitag lernte ich meine neue Psychologin kennen. Eigentlich möchte ich meinen Psychologen nicht hergeben, langsam wird es aber zu einem finanziellen Problem, da ich ihn aus eigener Tasche bezahlen muss. Die Sitzungen bei der Psychologin hingegen wären für mich kostenlos. Je nachdem wie das Ergebnis der Ärztekommission ausfällt, wechsle ich oder nicht. Auf jeden Fall die Dame war sehr nett und ergriffen von meiner Geschichte, allerdings habe ich keine große Lust meine ganze Geschichte neu aufzuarbeiten… man wird sehen wie es weitergeht.